Aber warum gerade der Schwanz?
"Schon wenn ich den Schwanz eines Pfaus sehe, wird mir schlecht", notierte Darwin, als er vor 150 Jahren an seiner Evolutionstheorie schrieb. Allerdings nimmt der Schwanz in der Entwicklung des Lebens, während der vergangenen 500 Millionen Jahre, eine zentrale Rolle ein. Die Geschichte beginnt bei der Schwanzflosse des Fisches, die zur Fortbewegung dient. Frösche und Kröten kommen mit einem Schwanz zur Welt, verlieren ihn jedoch während der Metamorphose. Die Eidechse lässt ihren Schwanz auf der Flucht liegen und die Schlange scheint nur aus einem Schwanz zu bestehen. Der Schwanz des Pfaus ist eine originelle Hilfe bei der Balz. Das Eichhörnchen braucht seinen Schwanz als Schal oder Sonnenschirm. Hunde und Katzen drücken mit dem Wedeln ihre gute oder schlechte Laune aus ; sie alle kommunizieren mit dem Schwanz...
Ein Rundgang, der sich nicht in den Schwanz beisst
Die Ausstellung macht den Besucher schrittweise mit dieser allzu oft ignorierten Extremität bekannt. Am Anfang findet er im Sinnes-Korridor ein Wirrwarr von mehr oder weniger beunruhigenden Formen vor. Hinter der Vielfalt der Erscheinungen entdeckt der Besucher eine Einheit: Der Schwanz, der immer dem Ende der Wirbelsäule entspricht. Während die Wirbelsäule als Aufgabe die Stützung des Körpers hat, kann der Schwanz tausende, zum Teil überraschende Funktionen übernehmen.
Und wo steht der Mensch in diesem Wirrwarr?
Unsere Spezies hat keinen oder fast keinen Schwanz: Drei kleine, miteinander verschmolzene Wirbel bilden das Steissbein - der menschliche Schwanz. Er gleicht seine physische Wenigkeit jedoch mit einem riesigen Angebot an imaginären Bedeutungen aus. Als Symbol des „Tierischen“ gehört er Fabelwesen, Sirenen, Drachen oder sogar dem Teufel. Natürlich ist die erotische Bedeutung nicht vom Tisch zu weisen.
Am Ursprung der Geschichte jedes einzelnen Menschen steht das Samentierchen mit seinem Schwanz! Grund genug, sich mit diesem Fortsatz zu beschäftigen.
Die Ausstellung
Am Anfang war die Schwanzflosse
„Wenn man beobachtet, was für ein wichtiges Organ des Ortswechsels der Schwanz für die meisten Wasser-Tiere ist, so lässt sich seine allgemeine Anwesenheit und Verwendung zu mancherlei Zwecken bei so vielen Land-Tieren, welche durch modifizierte Schwimmblasen oder Lungen ihre Abstammung aus dem Wasser verraten, ganz wohl begreifen.“
Charles Darwin, „Die Entstehung der Arten“, 1. Ausgabe 1859
Die ersten Fische und ihre Vorfahren, die Kragentiere, tummelten sich vor mehr als 500 Millionen Jahren in den Meeren des Kambriums. Ihre Schwanzflosse diente der Fortbewegung und der Stabilisierung. Dieser ursprüngliche, dem Leben im Wasser angepasste Schwanz verändert seine Form und seine Funktionen im Lauf der Zeit: diese lange Geschichte beeinflusst die gesamte Entwicklung der Wirbeltiere.
Schwänze, soweit das Auge reicht
„Zwei Tier-Gruppen mögen jetzt in Bau und Lebens-Weise noch so verschieden von einander sein; wenn sie gleiche oder ähnliche Embryo-Stände durchlaufen, so dürfen wir uns überzeugt halten, dass beide von denselben oder von einander sehr ähnlichen Eltern abstammen und deshalb in entsprechendem Grade einander nahe verwandt sind.“
Charles Darwin, „Die Entstehung der Arten“, 1. Ausgabe 1859
Die Embryos aller Wirbeltiere (zu denen auch der Mensch gehört) besitzen in einem frühen Stadium ihrer Entwicklung einen Schwanz. Bei der Geburt weist dieser verschiedene Grössen und Formen auf, je nachdem, ob es sich um einen Fisch, eine Amphibie, ein Reptil, einen Vogel oder ein Säugetier handelt. Die über das Becken hinausgehende Extremität der Wirbelsäule, ist und bleibt ein Schwanz, egal wie viele Wirbel sie besitzt.
Das Vorhandensein des Schwanzes im embryonalen Stadium und die gleich strukturierte Wirbelsäule, zeigen, dass die Schwänze aller Wirbeltiere einen gemeinsamen Ursprung haben. 500 Millionen Jahre Entwicklung liegen zwischen der Schwanzflosse der ersten Fische und dem Steissbein des Menschen oder der „Fliegenklatsche“ der Giraffe!
Ein Schwanz – wozu?
„Nachdem ein Wasser-Thier einmal mit einem wohl-entwickelten Steuer-Schwanze ausgestattet ist, kann derselbe später zu den manchfaltigsten Zwecken umgearbeitet werden, zu einem Fliegenwedel, zu einem Greifwerkzeug, oder zu einem Mittel schneller Wendung des Laufes, wie es beim Hunde der Fall ist, obwohl dieses Hilfsmittel nur schwach sein mag, indem ja der Hase, fast ganz ohne Schwanz, sich rasch genug zu wenden im Stande ist.“
Charles Darwin, „Die Entstehung der Arten“, 1. Ausgabe 1859
Der Schwanz ist zweifellos der am wenigsten untersuchte Körperteil. Charles Darwin betrachtete diesen Anhang als zweitrangig in der Evolution der auf dem Festland lebenden Wirbeltiere. Beim genaueren Hinsehen wird jedoch klar, dass es sich um ein grossartiges Beispiel von Diversifikation handelt, das die schrittweise Anpassung der Lebensweise von den Tieren an ihre Umwelt aufzeigt.
Der Schwanz macht den Vogel
"Schon wenn ich den Schwanz eines Pfaus sehe, wird mir schlecht."
Charles Darwin, lettre à Asa Gray, 1860
Schillernde Farben und riesige Schwanzfedern sind das Privileg vieler Vogelmännchen. Die Hauptfunktion des aussergewöhnlichen Gefieders ist zweifellos eine sexuelle: Je erfolgreicher das Männchen ein Weibchen anlockt, desto grösser sind die Chancen seiner Fortpflanzung. Wird dieses Festkleid aber nicht zum Hindernis, wenn Mann es täglich trägt? „Nein“, nicht wenn es darum gehe „den kräftigsten Männchen die grösste Nachkommenschaft“ zu sichern, meint Darwin. Trotz dieses Prinzips der natürlichen Selektion ist es dem Naturforscher immer etwas unwohl beim Anblick dieser extravaganten Vögel.
Der Angriff ist die beste Verteidigung
„So gesteht man zu, dass die Klapperschlange einen Giftzahn zu ihrer eigenen Verteidigung und zur Tötung ihrer Beute besitze; aber einige Autoren unterstellen auch, dass sie ihre Klapper zu ihrem eigenen Nachtheile erhalten habe, nämlich um ihre Beute zu warnen und zur Flucht zu veranlassen. Man könnte jedoch eben so gut behaupten, die Katze mache die Wellenkrümmungen mit dem Ende ihres Schwanzes, wenn sie im Begriffe einzuspringen ist, in der Absicht um die bereits zum Tode verurteilte Maus zu warnen.“
Charles Darwin, „Die Entstehung der Arten“, 1. Ausgabe 1859
Keine zoologische Gruppe hat ihren Schwanz so vielseitig entwickelt wie die Reptilien. Dem Krokodil dient er sowohl für die Jagd wie auch für die Balz. Mehrere Warane haben Stacheln am Schwanz, die ihnen zur Verteidigung wie auch zum Angriff dienen. Die Agamen setzen ihren Schwanz wie ein Schild ein. Dornschwanzagamen bewegen ihren Schwanz heftig, um Feinde in die Flucht zu schlagen. Dem Chamäleon dient der Schwanz als Hangseil. Gewisse Schlangen brauchen ihr regenwurmähnliches Schwanzende als Köder, den sie bewegen, um ihre Beute anzulocken.
Wie Hund und Katz
Ich selbst habe einen Hund gesehen, welcher niemals bei einem seiner grössten Freunde, nämlich einer Katze, welche krank in einem Korbe lag, vorüberging, ohne sie ein paar Mal mit der Zunge zu belecken, das sicherste Zeichen von freundlicher Gesinnung bei einem Hunde.
Charles Darwin, „Die Abstammung des Menschen“, 1. Ausagbe 1871
Für Hunde wie für Katzen ist der Schwanz ein grossartiges Kommunikationsmittel. Leider kommt dem Hund alles, was die Katze sagt, spanisch vor, und er selbst spricht nicht siamesisch. Noch schlimmer, die gleichen Schwanz-Zeichen drücken bei Hund und Katze gegenteilige Gefühle aus.
Wird der Hund eines Tages aufhören, die Katze, die ihrerseits einer Maus nachjagt, zu verfolgen? Wetten wir, dass er dies nicht tut: Er würde die Comic- und Zeichentrickfilmautoren in Verzweiflung stürzen! Sie jedoch, die zu Hause einen Hund und eine Katze haben, sollten um des lieben Friedens willen die Schwanzsprache Ihrer Haustiere verstehen lernen.
Die Werkzeugkiste
Ist es glaublich, dass Natürliche Züchtung einerseits Organe von so unbedeutender Wesenheit, wie z.B. den Schwanz einer Giraffe, welcher als Fliegenwedel dient, und anderseits Organe von so wundervoller Struktur wie das Auge hervorbringe, dessen unnachahmliche Vollkommenheit wir noch kaum ganz begreifen.
Charles Darwin, „Die Entstehung der Arten“, 1. Ausgabe 1859
Was immer auch Darwin sagen mag: Die „Natur“ hat ihre uneingeschränkte Vorstellungskraft bewiesen. Kleider machen zwar keine Leute, aber der Schwanz macht das Tier, ob er nun nackt, behaart, gefiedert oder geschuppt ist. Dieses Werkzeug ist für das Überleben jeder einzelnen Art hervorragend geeignet, ob es nun der Nahrungsaufnahme, der Fortbewegung, dem Schutz oder der Fortpflanzung dient. Die Vielfalt an Lösungen wird offenkundig, wenn man die Tiere in Aktion beobachtet.
Mit oder ohne Schwanz...
Das Vorhandensein oder das Fehlen eines Schwanzes ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen den beiden Hauptgruppen von Amphibien. Salamander und Molche mit „sichtbarem Schwanz“ gehören zu den Schwanzlurchen. Beim ausgewachsenen Tier ist der Schwanz gut entwickelt. Frösche und Kröten, höher entwickelte Amphibien, gehören zu den „schwanzlosen“ Froschlurchen. Der Schwanz der Kaulquappen bildet sich während der Entwicklung der Larven zurück. Wenn die jungen Frösche und Kröten das Wasser verlassen, haben sie noch einen Schwanzstummel, der aber bald vollständig verschwindet.
Wo beginnt der Schwanz?
Im Becken, dem Übergang zu den Hinterbeinen, endet der Rumpf und beginnt der Schwanz. Bei Schlangen und im Wasser lebenden Wirbeltieren (Fische, Wale, Delphine...) ist es nicht immer einfach, diese Grenze zu bestimmen. Die Stellung des Anus ist ein gutes Indiz: was weiter hinten ist, gehört zum Schwanz.
Seinen Schwanz verlieren
Wenn man Eidechsen oder Blindschleichen am Schwanz ergreift, so bricht dieser ihnen ab. Mit diesem Mechanismus täuschen sie ihre Feinde, deren Aufmerksamkeit vom zurückgelassenen, noch zuckenden Stück Schwanz in Anspruch genommen wird.
Dieser Bruch, Autotomie genannt, wird durch ein reflexartiges Zusammenziehen der Muskeln erreicht. Die beiden Knochenhälften jedes Wirbels sind durch eine Knorpelbrücke miteinander verbunden. An dieser Stelle bricht der Schwanz vertikal und ohne Blutung ab.
Ein neuer, kleinerer und weniger beweglicher Schwanz kann ein einziges Mal durch teilweise Regeneration nachwachsen.
Ein fossiler Schwanz
Der Archaeopteryx, der älteste bekannte Vogel, lebte im Jurazeitalter, vor 150 Millionen Jahren. Er weist eine Mischung von Kennzeichen auf. Einige, wie die Federn, sind auch bei den heutigen Vögeln zu sehen. Andere wiederum, wie der lange Schwanz aus zwanzig nicht zusammengewachsenen Wirbeln, die seitliche Federn trugen, gehören zu den Reptilien.
Der Schwanz der heutigen Vögel ist stark verkürzt. Die Schanzwirbel sind zu einem einzigen Knochen zusammengewachsen, dem Pygostyl, der grosse Steuerfedern trägt.
Homologe Schwänze
Die Anzahl der Schwanzwirbel ist bei den Säugetieren sehr unterschiedlich: sie variiert von 46 beim Schuppentier bis zu nur 3 beim Menschen. Aber diese Reduktion des Schwanzes macht aus unserer Art noch keinen Sonderfall. Das gleiche Phänomen kommt bei vielen Arten vor. Es genügt, bei den Insektenfressern einen Igel mit einer Spitzmaus zu vergleichen, oder bei den Nagetieren ein Aguti mit einer Ratte und einem Eichhörnchen, um sich ein Bild zu machen.
Form, Grösse und sogar die Funktion spielen eine Nebenrolle. Die Schwänze aller Säugetiere, von der Fledermaus bis zum Delphin, sind homolog, d. h., sie bestehen aus Wirbeln, die den gleichen embryonalen Ursprung haben. Der Begriff der Homologie ist für das Verständnis der Evolutionsmechanismen grundlegend. Er bedeutet in diesem Fall, dass alle Schwänze sich von einem gemeinsamen Vorfahren herleiten.
Der Schwanz des Menschen
Das Steissbein der Menschen entspricht dem Schwanz der Affen. Dieser am Becken festgemachte Schwanzknochen besteht aus drei bis fünf am Ende der Wirbelsäule zusammengewachsenen Wirbeln. Während der ersten embryonalen Phasen entsteht beim Menschen, ähnlich wie bei anderen Säugetieren, ein Schwanz, der sich im Lauf der 6. Woche der Entwicklung schnell zurückbildet.
Kopflos?
Der Schwanz? Eine vergessene, verachtete manchmal sogar unanständige Extremität... Wir haben keinen. Ist er deshalb so stark präsent in unserer Sprache, in unserer Vorstellungswelt, in unseren Phantasmen? In unseren Köpfen wird er zum wesentlichen Anhängsel der Chimären, Sirenen und Drachen. Er symbolisiert die Macht göttlicher Kreaturen, sei es Minotaurus oder der Gott Pan. Er ist das schreckliche Attribut des Teufels und der höllischen Dämonen. Er ist es auch, der uns in Form einer Schlange in Versuchung führt und uns aus dem Paradies vertreibt.
Im Unterbewusstsein besitzt das Tier, das uns Angst macht, oft den nackten Schwanz eines Reptils. Zur Beruhigung denken wir dann an das rätselhafte Ouroboros, die kosmische Schlange, die sich in den Schwanz beisst, das uralte Symbol für den Zyklus der Zeit und der Ewigkeit.
Schnipp-Schnapp!
Es gibt Schwänze, die man verspeist – eher selten! – und solche, die man abschneidet. Aber warum schneidet man einem Hund, einem Schwein oder einem Schaf überhaupt den Schwanz ab?
Gesundheitliche, wirtschaftliche, praktische und sogar ästhetische Gründe werden vorgebracht und verschleiern oft die Macht der Tradition.
Der Mensch, der ohne Schwanz lebt, stellt sich dessen Funktion nur mit Mühe vor. Er begreift deshalb schlecht, dass ein Tier mit abgeschnittenem Schwanz leiden kann. Ist deshalb die Praxis der Amputation ihres Anhängsels bei Haustieren immer noch weit verbreitet oder erst in jüngster Zeit verschwunden?
Guten Appetit!
In westlichen Gesellschaften werden Tierschwänze nur selten verspeist, abgesehen von jenen der Krustentiere wie Krevetten, Langusten und Hummer; doch handelt es sich dabei aus anatomischer Sicht nicht um Schwänze, sondern um Unterleibe. Die Oxtailsuppe (Ochsenschwanzsuppe) ist ein bekanntes Gericht und der Schwanz des Schweins bereichert hie und da noch die Erbsensuppe.
Wie man jedoch aus zahlreichen alten Rezepten für die Zubereitung von Schwänzen ersehen kann, war dem nicht immer so. Ein minderwertiges Stück Fleisch kann durchaus schmackhaft sein, wenn es gut zubereitet wird.
„Der Hund lächelt mit seinem Schwanz“ (Victor Hugo)
Es ist eine alte Gewohnheit bestimmten Hunderassen den Schwanz abzuschneiden. Betroffen sind vor allem einige Jagd- Wach- und Kampfhunderassen. Die Versuche, diese Amputation, die den Hund um ein Kommunikationsmittel und eine Balancierstange bringt, zu rechtfertigen, sind unterschiedlich und wenig überzeugend.
Heute wird der Hund meistens als Haustier gehalten. Es ist nicht mehr nötig, ihm den Schwanz oder die Ohren abzuschneiden. Gewisse Züchter scheinen jedoch an der Tradition festhalten zu wollen, auch wenn die Richtlinien für Hunderassen noch gar nicht so alt sind. Die meisten stammen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.
Das Europäische Übereinkommen zum Schutz von Haustieren empfiehlt seit 1987 ein Verbot der Verstümmelung. In der Schweiz ist dieses Übereinkommen 1997 in Kraft getreten, in Frankreich ist das Abschneiden des Schwanzes von Welpen in den ersten Tagen nach der Geburt erlaubt.
„Alle Schweine sind rundlich und haben einen Ringelschwanz...“ heisst es in einem alten französischen Lied. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. Wie der Hund und die Katze pflegt auch das Schwein Kontakt mit seinen Artgenossen und besitzt eine „Schwanzsprache“. Sein Anhängsel ist ein regelrechtes Laune-Barometer! Solange es friedlich mit seinem Rüssel im Schlamm wühlt, lässt es seinen Schwanz hängen. Bei Alarm oder Stress ringelt sich jedoch sein Schwanz sofort.
Industriell gezüchtete Schweine werden zusammengepfercht und unter Missachtung der natürlichen Bedürfnisse der Art gehalten. Ihre Schwänze werden sehr früh abgeschnitten, um zu verhindern, dass die unterbeschäftigten und gestressten Tiere sich diese gegenseitig wegfressen und dadurch Verletzungen, Infektionen und schliesslich... ökonomische Verluste verursachen.
In der Schweiz ist es gesetzlich verboten, den Schweinen die Schwänze abzuschneiden, doch in verschiedenen europäischen Ländern, z. B. in Frankreich, ist dies weiterhin erlaubt.
„Im Schwanz liegt das Gift verborgen“
Der Schwanz wird im Volksbewusstsein oft als bedrohliches, gefährliches oder sogar Unheil bringendes Organ wahrgenommen, insbesondere der Schwanz von Insekten.
In Wirklichkeit haben diese „Schwänze“ ganz andere Funktionen: Kopulationsorgan oder Legeapparat, Atmungsröhre oder Exkretionsorgan. Sie sind also vollkommen harmlos, auch wenn sie oft beängstigen.
Selber Schuld, wer an anderes denkt
Sagen Sie „Schwanz“ in einem Gespräch... denken Ihre Zuhörer eher nicht an das Ende der Wirbelsäule... viel wahrscheinlicher huscht Ihren Gesprächspartnern ein Lächeln über die Lippen.
Schwanz ist im deutschen Sprachgebrauch kein unschuldiges Wort. Es wird häufig zur Bezeichnung des männlichen Geschlechtsteils gebraucht. Dieser doppelte, stark erotisch gefärbte Sinn, wird in unzähligen Wortspielen und zweideutigen, mehr oder weniger „lustigen“ Witzen ausgeschlachtet. Auf Französisch verhält es sich nicht anders mit dem Wort queue (Schwanz), so dass manchmal die Präzision queue animale (Tierschwanz) notwendig ist, um Missverständnisse zu vermeiden. Merkwürdigerweise findet diese Annäherung, die für ein französisch oder deutsch denkendes Gehirn selbstverständlich zu sein scheint, nicht in allen Sprachen statt. Auf Englisch z. B. bezeichnet tail nichts anderes als einen Schwanz im rein zoologischen Sinn. So ist es auch mit dem italienischen coda oder dem spanischen cola.
Und wie ist es in Ihrer Sprache?
Chimären
Stier- oder Ziegenschwänze, Pferde-, Vogel-, Fisch- oder Schlangenschwänze... Ein fabelhaftes Bestiarium mit hybriden Kreaturen bevölkert die Phantasie der Menschen seit undenklichen Zeiten.
Mesopotamische oder ägyptische Gottheiten, Ungeheuer aus der griechischen Mythologie – Satyrn, Kentauren, Sirenen und der Minotaurus – tierförmige Gestalten an romanischen Kirchen, seltsame Figuren, die sich auf Bildern von Hieronymus Bosch oder Pieter Brueghel tummeln...
Im 16. Jahrhundert findet man in den ersten zoologischen Lehrbüchern noch unzählige hybride Ungeheuer Seite an Seite mit wirklich existierenden Arten – wie dieses wenig überzeugende, „an den norwegischen Küsten“ gefundene Meerungeheuer mit Mönchskopf und Fischschwanz.
Vier Jahrhunderte Rationalismus konnten die Chimären nicht ausrotten. In der zeitgenössischen Kunst und in der Science fiction breiten sie sich heute mehr denn je aus.
Der Schwanz des Teufels
In der christlichen Tradition verkörpert der Teufel das Böse und die Versuchung. Er erscheint in der Gestalt einer halb menschlichen, halb tierischen Kreatur mit einem langen Schwanz. Er ist der gefallene Engel, der oberste Herrscher über die dämonischen Wesen, die das Gute bekämpfen.
Die Natur des Teufels war jedoch nicht immer bösartig, sie hat sich im Lauf der Zeit beträchtlich verändert. Satan erscheint zum ersten Mal in den religiösen hebräischen Texten (5. Jh. v. Chr.), wo er in Hiobs Prozess die Rolle des Anklägers spielt. Zwischen dem 3. und dem 1. Jahrhundert v. Chr. blüht eine regelrechte Dämonologie auf, die Satan als „diabolos“ oder „Verleumder“ bezeichnet. Das Bild des Versuchers in den biblischen Schriften verwandelt sich im Mittelalter zum Heerführer der dämonischen Legionen und schliesslich, in der Moderne, zum personifizierten Bösen.
Der Schwanz des Teufels ist also in einem gewissen Sinn die Illustration eines langen Prozesses, der die alten Mythen mit der modernen biblischen Vision verbindet.
„Seine Kraft liegt nicht in seinen Zähnen,sondern in seinem Schwanz“ Isidor von Sevilla, 6. Jahrhundert
Nur wenige mythische Kreaturen treten so vielgestaltig auf wie die Drachen. Ihr Aussehen ist so unterschiedlich, dass es schwierig ist, sie im Allgemeinen zu beschreiben: oft beflügelt und in der Luft, manchmal im Wasser oder sogar an Land lebend... Der Schwanz ist vielleicht ihr beständigstes Attribut, weit mehr als die Flügel oder das höllische Flammen speiende Maul.
Im Orient galten sie als gutes Zeichen, in den vorjüdischen Traditionen personifizierten sie das Heidentum und im christlichen Abendland das Böse. So der feuerrote Drache der Offenbarung, dessen Schwanz „...den dritten Teil der Sterne des Himmels nach sich zog und sie auf die Erde warf.“
Die Schweiz war lange ein beliebter Unterschlupf für diese unheilbringenden Kreaturen: Alte Chroniken aus den Alpen sind gespickt mit Zeugenaussagen über Erscheinungen ihrer schuppigen Schwänze, und auch der Jura mit seinem Lindwurm blieb nicht verschont...
Homo caudatus, femina caudata...
Darstellungen von menschlichen, mit Schwänzen versehenen Gestalten haben Jahrtausende durchlaufen.
Von den Satyrn der antiken Mythologie über Ulisse Aldrovandis Ungeheuer im 16. Jahrhundert und jenes von Johannes Zahn im 17. Jahrhundert sind sie bis zur Klassifikation der Anthropomorpha von Carl Linné im 18. Jahrhundert vorgedrungen. Dieser beschreibt unter dem Namen Lucifer aldrovandi einen Mann mit Schwanz. Er teilt ihm nicht den Status eines Ungeheuers zu, sondern betrachtet ihn als eigene Art.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in den gebildeten Kreisen immer noch ernsthaft über die Existenz eines Volks in Zentralafrika diskutiert – die Niam Niam – dessen Angehörige einen Schwanz besitzen sollten!
Heute stellt die Medizin solche Anomalien nur selten fest.
Der rudimentäre Schwanz entwickelt sich aus dem Endteil des embryonalen Schwanzes. Er besteht aus Binde- und Fettgewebe, aus Muskeln, Blutgefässen und Nerven, ist knochen- und knorpellos und kann bis zu 13 cm lang werden. Solche Schwänze werden chirurgisch entfernt.
Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt
„Man kann einem Esel wohl den Schwanz verbergen, aber die Ohren lässt er vorgucken“, besagt ein deutsches Sprichwort, während die französische Maxime behauptet „wenn man vom Wolf redet, sieht man seinen Schwanz “
Der Volksmund ist reich an Sprichwörtern, in denen der Schwanz vorkommt. Sie alle zu erwähnen, würde vielleicht keinen Schwanz interessieren.
„Halte den Schwanz des Leoparden nicht in deiner Hand“, rät ein äthiopisches Sprichwort und fügt hinzu: „Aber wenn du ihn hast, lass ihn auf keinen Fall los!“ Da beisst sich die Schlange in den Schwanz... Soll man aufhören, von ihm zu sprechen und mit eingezogenem Schwanz abziehen? Der Talmud rät: „Sei lieber der Schwanz des Löwen als der Kopf des Fuchses“... Wie auch immer die Wahl getroffen wird: Wichtig ist vor allem, sich nicht auf den Schwanz treten zu lassen!
Halb Frau, halb Fisch
Sirene (von griech. seiren, lat. siren). Gottheit aus dem Meer, halb Frau, halb Vogel, gefürchtet wegen ihres bezaubernden Gesangs. Im Mittelalter wurden die Sirenen mit Fischschwanz und dem Oberkörper einer Frau dargestellt.



